FEATURE | 9 May 2022

Frauen in bewaffneten Konflikten und in Friedensverhandlungen

Berghof im Gespräch mit dem Straßenmagazin Karuna Kompass

Book cover of the Indonesian version of the publication "I Have To Speak" about female ex-combatants. Book cover of the Indonesian version of the publication "I Have To Speak" about female ex-combatants. Image: S. Marhaban

Friedensvereinbarungen sind messbar nachhaltiger, wenn Frauen frühzeitig einbezogen werden.


 

Karuna Kompass: In den aktuellen Debatten im Bundestag zum Ukraine-Krieg musste sich unsere Außenministerin belehren lassen, jetzt sei nicht die Zeit für eine feministische Außenpolitik. Dabei heißt es doch immer, die Perspektive von Frauen sei gerade bei Friedensverhandlungen enorm wichtig. Was sind eure Erfahrungen? Macht es einen Unterschied, wenn Frauen beteiligt sind?

Beatrix Austin: Ja. Es gibt in der Forschung Stimmen, die sagen, im Bereich Friedensförderung und Konflikttransformation wissen wir sehr wenig definitiv, aber zwei Dinge wissen wir. Und das eine davon ist, dass der frühzeitige Einbezug von Frauen in Friedensverhandlungen einen messbaren Unterschied dabei macht, wie nachhaltig und wie langfristig solche Vereinbarungen dann Bestand haben. Dazu gibt es viele Studien. Nachgewiesen ist, dass die Beteiligung von Frauen an einem Friedensprozess die Wahrscheinlichkeit, dass der Frieden länger als zwei Jahre hält, um 20 Prozent erhöht. Und die Wahrscheinlichkeit, dass der Frieden 15 Jahre hält, erhöht sich sogar auf 35 Prozent. Es ist für mich daher immer ein Alarmzeichen, wenn auf Bildern von Verhandlungsdelegationen nur Männer zu sehen sind.

Es ist also genauso wichtig, Frauen als Kämpferinnen mitzudenken, wie Frauen als Friedensstifterinnen oder Vermittlerinnen.Beatrix Austin

Karuna Kompass: Demnach stimmt das Klischee, dass Frauen die geborenen Friedensstifterinnen sind?

Beatrix Austin: Nein, das stimmt so auch nicht. Eine Gruppe, mit der wir über die letzten sechs, sieben Jahre verstärkt gearbeitet haben, sind ehemalige Kämpferinnen in Widerstandsbewegungen oder bewaffneten Gruppen aus unterschiedlichen Konflikten, von Burundi über die Philippinen bis Nepal. Den Ausgang genommen hat das Projekt in dem Bedürfnis, unterschiedliche Rollen von Frauen sichtbarer zu machen, weil das Thema Frauen und Frieden eben häufig in einer relativ stereotypen Weise gedacht wird. Wir haben zuvor schon mit ehemaligen bewaffneten Gruppen zusammengearbeitet, die irgendwann die Waffen niedergelegt haben und in die politische Auseinandersetzung gegangen sind. Über diese Arbeit haben wir gelernt, wie viele davon auch aktiv kämpfende Frauen in ihren Ränken hatten. Und diese Frauen, die sich jetzt auch sozial und politisch engagieren, haben über die Jahre hinweg gesagt, für uns wäre es so wichtig, dass auch wir die Gelegenheit bekommen, unsere Geschichten zu erzählen. Wir wollen unsere Beweggründe für den bewaffneten Kampf, aber jetzt auch für den Übergang aus dem gewaltsamen Ringen um Gerechtigkeit hin zu dem politischsozialen Ringen für Gerechtigkeit darlegen. Und dabei ist es ist also genauso wichtig, Frauen als Kämpferinnen mitzudenken, wie Frauen als Friedensstifterinnen oder -vermittlerinnen.

Karuna Kompass: Das ist ein Thema, das unseres Wissens kaum breit diskutiert wird. Es gibt eine Reihe von Kunstwerken, die sich damit befassen, zum Beispiel mit kurdischen Widerstandskämpferinnen.

Beatrix Austin: Wir haben zu dem Thema eine Publikation herausgegeben, „I Have To Speak – Voices of Female Ex-Combatants from Aceh, Burundi, Mindanao and Nepal“. Ein solches Buch steht natürlich am Ende eines langen Prozesses. Das hat damit angefangen, sichere Räume für die Töchter, Nichten, Kusinen von ehemaligen Kämpferinnen zu schaffen. Sie sind dann losgezogen, um filmisch-biografische Interviews mit den ehemaligen Kämpferinnen zu führen. Diese jungen Frauen haben es geschafft, deren Kriegserfahrung, aber eben auch deren Erfahrung des Friedensschaffens einzufangen. Mit diesem Material versuchen die beteiligten Aktivistinnen, in den unterschiedlichen Ländern weitere Aufklärungs- und Friedensarbeit zu leisten. Diese Methode, betroffene Menschen in den Forschungsprozess einzubeziehen, nennen wir partizipative Forschung[1]. Das ist ein ganz zentraler Ansatz unserer Forschungsarbeit.

Florian Lüdtke: Wichtig ist natürlich neben dem Einbezug von Frauen auch die Inklusion von anderen Akteur* innen, wie zum Beispiel Jugendlichen. Auch die fehlen immer auf den Bildern von Verhandlungstischen. Das ist eine Kernbotschaft von uns an verschiedene Akteur*innen, an Peacemaker: Frieden braucht die Stimme aller. Inklusion ist ein ganz wichtiger Aspekt, dazu gehören Frauen, Jugendliche, aber auch in den jeweiligen Regionen marginalisierte Gruppen.

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Dieses Interview erschien zuerst in Karuna Kompass, einer Berliner Straßenzeitung, die Menschen portraitiert, „die ihre eigenen Gestaltungsspielräume nutzen, um die Welt schöner und gerechter zu machen“. Im April sprachen sie mit Beatrix Austin, Forschungsleiterin und Florian Lüdtke, Kommunikationsmanager der Berghof Foundation.

Die vollständige Ausgabe mit einem längeren Interview zu Berghofs Arbeit und mit Einblicken in das Feld Konflikttransformation ist hier erhältlich: https://karuna-kompass.de/ausgaben


[1] Partizipative (Aktions-)Forschung: Bündelt Wissen und verbessert das Verständnis dafür, wie soziale Wechselbeziehungen funktionieren, während sie gleichzeitig direkt und praktisch eingreift. Um Eigenverantwortung und Inklusivität (Einbezug möglichst vieler unterschiedlicher gesellschaftlicher Gruppen) zu gewährleisten, werden die untersuchten Individuen und Gemeinschaften Teil des Forschungsprozesses. Dadurch wird aktiv eine Transformation, also Veränderung von Konflikten, herbeigeführt.


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